Moett der gesähnda Keaz nedd
mieh ze hällwe?
Gastautorenbeitrag von Norbert Krötz zum
Weinbautag am 5. Februar 2001, veröffentlicht in der R.Z.

Zweifelsohne befindet sich die Mosel in einem Strukturwandel. Würde ich Krise schreiben, gäbe ich zu, dass man hier keine Phantasie besitzt dieser Misere zu begegnen. Es gibt sie aber, die Akteure und Visionäre. Sie werden nur von ihren eigenen Leuten, von Behörden, Banken und Verbänden nicht entdeckt, erkannt und gefördert. Sie gelten als Außenseiter und unbequeme Querulanten in einem Vaterland wo die Bürger immer nur die nach außen getragene Harmonie honorieren, anstatt sich für eine fair um Ideen wettkämpfende Streitkultur selbst zu beglückwünschen. Neid und Eifersucht tun ihr übriges. Ist uns wirklich nur mit einer gesegneten Kerze zu helfen?
Solange die Kirche und Klöster, die ja bekanntlich diese Kerzen damals schon segneten, die eigentlichen Grundherren an der Mosel waren, funktionierte diese Landschaft von Eigenbrödlern und Individualisten ganz gut. Sie hat sich so an das Vordenken der Obrigkeit und das Obrigkeitsdenken gewöhnt, dass sie auch heute im 21. Jahrhundert immer noch glaubt: Die oben werden es schon richten! Falsch gedacht!
Wenn Prof. Hoffmann
schreibt, wir würden verwaltet wie ein Altersheim, so hat das seine
Gründe. Bei uns lebt doch mittlerweile der größte Teil
der Bevölkerung im Rentenalter, bzw. unweit dieser Altersgrenze. Wo
soll denn da noch Innovation, Weitsicht und objektive Marktkenntnis herkommen?
Hier haben mangelndes Anspruchsdenken an Verbände und Politik, mangelnde
Eigeninitiative und das sich resigniert-aufgebende Verhalten zur
Depression einer gesamten Landschaft geführt, die man dann aber
auch therapeutisch behandeln müsste! Und zu einer guten Therapie gehört
immer zuerst eine gute Diagnose. Derer wurde aber schon so viele gestellt
und wenig gehandelt.
Wir müssen zugeben,
dass eine biedere Gesellschaft mit depressiven Anflügen sich
wenig eignet als Anziehungskraft für eine dynamische, heranwachende
junge und jüngere Verbraucher-Generation. Ist uns wirklich nur mit
einer gesegneten Kerze zu helfen? Sicherlich hilft Beten dem, der an die
Zukunft glaubt und diesen notwendigen Strukturwandel auch als Chance begreift.
Als Chance, die Partner und Paten und Multiplikatoren sucht für
eine der schönsten Flusslandschaften Europas. Wo früher Klöster
und Adel mit ihren Vernetzungen für den notwendigen Absatz sorgten,
könnte der neue Adel, heute Banken- und Versicherungskonzerne/ Wirtschaftsbetriebe
Patenschaften für einen Betrieb, eine Region oder ein ganzes
Dorf übernehmen.
Nutzen wir die derzeitige
Diskussion in der Fleischproduktion gemeinsam mit unseren Kollegen in der
Landwirtschaft zu einem Aufräumen in unseren Verbänden von alteingesessenen
Pfründen und falschen Lobbyisten und bringen wir Winzerschaft, Landwirtschaft
,Gastronomie, Kulturschaffende und die Tourismusbranche endlich unter einen
wirklichen Dachverband Mosel. Ja, bewegen wir auch unsere in der
Landschaft agierenden Staats- und Kommunaldiener zum Aufbau einer
begleitenden Mosel-Aktie. Sie müssen bestes Stadt- und LandManagement
praktizieren! Wer uns nämlich Eigenverantwortung lehren will,
muss diese endlich auch einmal eigenverantwortlich und „risikobereit“,
z.B. in einer Aktie vorleben, um nicht als teurer
Mitesser in Verruf zu geraten. Der Gesetzgeber muss Steillagenwein durch
neue, einschneidende Gesetze schützen und herausheben. Und wo
so viele Betten und Tische auf den Gast warten wie an der Mosel, kann man
nicht agieren wie ein „Altersheim“, sondern man muss zugehen auf die möglichen
Gäste und Weinverbraucher, ob auf dem Fußballfeld, dem
Centre-Court, ob bei Schumi oder Rock am Ring.
Zeigen wir uns doch
endlich wieder weltoffen wie schon seit Urzeiten alle Anlieger von Flüssen
als Weltbürger galten. Heute schaffen wir kaum den Blick über
unsere Berge und sehen mit Eifersucht hoch auf die neuen Transportkisten,
die uns am Himmelsweg nicht nur unsere potenziellen Touristen in andere
Regionen am Mittelmeer weg-transportieren, sondern auch noch die dortigen
Weine bekannt machen, die sich eigentlich hinter unseren Spitzenweinen
weit hinter Bergen verstecken müssten.
Warum landen auf dem
Hahn noch nicht mehr Touristen für unsere Regionen? In London weiß
kein Mensch, dass Frankfurt /Hahn direkt am Tor zur Mosel und zum
Rhein liegt! Und dabei schreibt einer ihrer Landsmänner, der weltbekannte
Weinkenner Oz Clarke: ..dass es nirgendwo auf der Welt wohl schöner
gelegene Weinberge gibt wie an der Mosel“. Sind wir so wenig professionell?
Wo sitzen denn unsere „Fachleute“, die diese Vorzüge immer noch nicht
an den Mann, an die Verbraucherin bringen? Auch in der derzeitigen
BSE-Diskussion wird immer deutlicher: Die vielen kleinen Familienbetriebe
an Mosel, in der Eifel und im Hunsrück können zukunftsfähiger
als die industriellen Massenbetriebe sein Denn hier wird Natur und
Kreatur noch geachtet. Und gesünder ist das auch noch!
Was wollen wir noch mehr!.
Nutzen wir doch endlich
diese Chancen, bevor uns noch nicht mal mehr mit der gesegneten Kerze zu
helfen ist.
Norbert Krötz
Ediger a.d. Mosel Hochstraße 24 56814
Ediger-Eller, email: officina@t-online.de
Telefon ISDN 02675- 255 Telefax 02675-1625
Zur
Person:
Norbert
Krötz, der als Berufbezeichnung „Mosellaner“ angibt, betreibt die
Erlebnis-Gastronomie „Christoffel“ in Ediger und hat dort über sein
Kulturbüro „officina novum“ eine Reihe von Veranstaltungen touristischer
und kultureller Art ins Leben gerufen, Am erfolgsreichsten sein „Römischen
Festmahle“ Norbert Krötz ist Mitglied im Ortsgemeinderat und im Verbandsgemeinderat
Cochem-Land, dort als Vertreter der UBG, und Erster Beigeordneter der Gemeinde
Ediger-Eller. Bereits 1994 hatte eine Expertenrunde zu dem Thema „Erzeugerpreise
und Erhalt der Weinkulturlandschaft“ initiiert.
(RZ
am 5 Februar 2001 )